Presseinfo
Termine
Lebensläufe
Bilder
Anfragen

Zurück zu Rezensionen

Der Spiegel (35/2001)

Hitliste der Bösen

Die Globalisierungskritiker schießen sich auf die Konzerne ein und treffen deren empfindlichste Stelle: den Ruf der Unternehmen.

Nach fünf Minuten hatte Klaus Werner eine neue Identität. Der Österreicher richtete sich eine E-Mail-Adresse ein, nannte sich Robert Mbaye Leman und war fortan Rohstoffhändler in Arusha, Tansania. Sein Auftrag: 40 Tonnen feinstes Coltanerz aus dem kongolesischen Rebellengebiet nach Deutschland zu verkaufen.

Dieses Angebot mailte er den Einkaufsabteilungen von H. C. Starck, einer Tochter des Chemieriesen Bayer. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Goslar ist weltgrößter Abnehmer dieses kostbaren Rohstoffs, aus dem das Metall Tantal ("Ta") gewonnen wird, ohne das inzwischen kein Handy und kein Computer mehr auskommt. Noch in der Nacht kam die Antwort: "Lieber Herr Leman", schrieb ein Bayer-Einkäufer aus Thailand, "wir sind generell interessiert, alle Arten von Ta-Rohmaterial zu kaufen."

Bingo ­ auf eine solche Nachricht hatte Werner alias Leman gehofft. Denn in Wahrheit ist der Mann Buchautor und auf der Suche nach den schmutzigen Geheimnissen der globalen Konzerne.
Gemeinsam mit Hans Weiss ("Bittere Pillen") stellt er in dieser Woche das "Schwarzbuch Markenfirmen" vor. Darin werfen sie 50 namhaften Unternehmen vor, Arbeitnehmer auszubeuten und Menschenrechte zu verletzen. So

· importiere Bayer Coltanerz aus dem Kongo und habe "keine Skrupel, wesentlich zur Aufrechterhaltung des Krieges beizutragen, der seit 1998 2,5 Millionen Menschenleben gekostet hat"; im April bereits hatten die Vereinten Nationen H. C. Starck in ähnlicher Weise beschuldigt, die Bayer-Tochter wies den Vorwurf damals zurück;
· sei der Energieerzeuger TotalFinaElf "fast überall dort aktiv, wo Menschenrechtsverletzungen und Erdölförderung zusammentreffen": Der Konzern kooperiere mit den Machthabern im Sudan, in Angola, Nigeria und Burma und zerstöre die Lebensgrundlagen der Menschen in den Fördergebieten;
· toleriere der Sportartikler Adidas, dass Zulieferbetriebe Arbeiter ausbeuten: 40 Pfennig betrage der Stundenlohn etwa in der chinesischen Fabrik "Yue Yuen", die Beschäftigten schufteten dort 60 bis 84 Stunden pro Woche;
· habe die Schnellimbiss-Kette McDonald's eine Zeit lang Kinder in einer chinesischen Fabrik eingesetzt, die "Happy-Meal"-Figuren herstellen; für acht Stunden Arbeit erhielten sie umgerechnet 2,90 Mark.

Ein altes, fast verblichenes Feindbild gewinnt wieder scharfe Kontur: der hässliche Multi, der als Komplize von Diktaturen Menschen unterdrückt und ausbeutet ­ wie einst die United Fruit Company, die vor Generationen mittelamerikanische Staaten zu Bananenrepubliken degradierte. Anscheinend hat sich seitdem nicht viel geändert. Aus aller Welt haben die Schwarzbuch-Autoren zusammengetragen, was sie von Menschenrechtlern, Gewerkschaftern, Journalisten und aus eigener Anschauung an Missständen erfahren konnten. Viele der Beispiele aus ihrer "Hitliste der Bösen" beruhen auf anekdotischen Schilderungen aus dritter Hand, gelegentlich bleibt die Beweisführung lückenhaft.

Das Buch wird aber dennoch seine Wirkung kaum verfehlen. Es attackiert die Konzerne an ihrer empfindlichsten Stelle: ihrem Ruf. Das Timing für die Blamage könnte kaum besser sein. Erstmals seit Jahren rührt sich wieder massiver Widerstand gegen die Macht der Konzerne. Das Unbehagen am Kapitalismus wächst in einer Zeit, da unter den hundert größten Wirtschaftsmächten der Welt, so die Autoren, schon mehr Unternehmen als Staaten sind ­ und sich zugleich wohl keine chinesische Arbeiterin die Donna-Karan-Bluse, die sie gerade zusammengenäht hat, je wird leisten können. Eine Gegenbewegung formiert sich, die sich ­ wie zuletzt in Genua ­ geschickt in Szene zu setzen weiß.

Anders als manche der Gipfel-Protestler aber rufen Werner und Weiss nicht nach dem Ende des globalen Marktes, nach Abschottung und Konzernzerschlagung. Sie verlangen vielmehr, dass jeder Teilnehmer in der Produktionskette seinen gerechten Anteil bekommt. Selbst Kinderarbeit müsse nicht in jedem Fall verwerflich sein ­ sofern der Arbeitgeber gleichzeitig zum Beispiel eine Ausbildung finanziert.

"Es darf nicht nur eine Globalisierung des Handels geben", fordert Werner, "sondern sie muss mit einer Globalisierung sozialer Standards einhergehen." Dafür gibt es nach seiner Ansicht nur eine wirksame Methode: den Massenprotest von Verbrauchern, die sich nicht mehr blenden lassen von glitzernden Marken, sondern hartnäckig danach fragen, unter welchen Bedingungen das T-Shirt von Nike oder der Schokoriegel von Nestlé hergestellt wird. Deshalb hat das Autorenduo Adressen und Ansprechpartner der gebrandmarkten Unternehmen gleich mitgeliefert. Den Markenfirmen ist längst bewusst, dass sie Verbraucherproteste ernst nehmen müssen. Die Kampagnen gegen Shell, Nestlé oder McDonald's haben bewiesen, dass Konsumenten bereit sind, ihre Macht gezielt einzusetzen. Zahllose Konzerne haben seitdem Reue demonstriert, sie stellen Ethikgrundsätze auf und veröffentlichen Berichte über ihre gesellschaftliche Verantwortung.

Ob die Unternehmen ihre eigenen Standards auch beherzigen, da haben die Schwarzbuch-Autoren ihre Zweifel. "Dazu müssten sie von Gewerkschaften oder Nichtregierungsorganisationen kontrolliert werden", sagt Werner, "aber das lässt kaum einer zu."

© DER SPIEGEL - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL VERLAGES

nach oben